Kastration beim Hund -
Bevor sie den Schritt wagen:
Zum Nachdenken:
Kastrierte
Hündinnen haben ein:
•8 mal höheres Risiko für Inkontinenz
•2 mal höheres Risiko für Fettleibigkeit
•8 mal höheres Risiko für Herztumore
•höheres Risiko an Harnleitertumoren zu erkranken
•höheres Risiko an Schilddrüsen-Krebs zu erkranken
•höheres Risiko an akuter Pankreatitis zu erkranken
•höheres Risiko an chronischer Hornhautentzündung zu erkranken
•höheres Risiko an Muskelschwund und Bindegewebsschwäche zu erkranken
•höheres Risiko an Blutgefäß-Tumoren zu erkranken
•höheres Risiko an einer Unterfunktion der Schilddrüse zu erkranken
•hinzu kommt das OP-Risiko.
Intakte
Hündinnen sind:
•6 mal häufiger von "perianal fistula" betroffen
und haben ein:
•höheres Risiko an vaginalen Tumoren zu erkranken
•höheres Risiko an Brustkrebs zu erkranken
•höheres Risiko an Gebärmuttervereiterung zu erkranken
Kastrierte
Rüden haben ein:
•2 mal höheres Risiko für Fettleibigkeit
•leicht höheres Risiko an Prostatakrebs zu erkranken
•höheres Risiko an Harnleitertumoren zu erkranken
•höheres Risiko an Diabetes zu erkranken
•höheres Risiko an einer Unterfunktion der Schilddrüse zu erkranken
•höheres Risiko an Knochenkrebs zu erkranken
•hinzu kommt das OP-Risiko
Intakte
Rüden haben ein:
•höheres Risiko an Leukämie zu erkranken
•höheres Risiko an Hodenkrebs zu erkranken
•höheres Risiko an "perianal fistula" zu erkranken
•wenn sie von Lymphknotenschwellungen oder-tumoren betroffen sind, haben
sie kürzere beschwerdefreie Zeiträume
Kastration:
Für und
Wider aus einer anderen Sicht
Unsere
Meinung dazu, mit einem Artikel von
©
Birgit Lehnen
Selbstverständlich gibt es medizinische Gründe, weshalb ein Hund
kastriert werden muss. Auch bei einer „Mehrhundehaltung“ bleibt in der
Regel nur Kastration eines oder mehrerer Hunde, um unerwünschten
Nachwuchs zu verhindern. Viele Hundebesitzer lassen ihren Hund aber auch
kastrieren um bestimmte Probleme in den Griff zu bekommen. Sie sind sich
dabei allerdings häufig nicht im Klaren darüber, dass Kastration kein
Allheilmittel ist sondern nur in bestimmten Fällen zum gewünschten
Erfolg führt. Über „Risiken und mögliche Nebenwirkungen“ sind sie nur
selten informiert.
Ich werde hier das Thema „Kastration“ nicht aus medizinischer sondern
aus verhaltenstherapeutischer Sicht heraus behandeln und damit
hoffentlich einige Denkanstösse geben.
a) Kastration der Hündin
Häufig wird eine ausgewachsene Hündin beim Tierarzt vorgestellt, weil
sie durch Aggression gegen Menschen und/oder Hunde auffällig geworden
ist.
Wenn diese Hündin nur kurz vor, während oder nach der Läufigkeit oder
während einer Scheinträchtigkeit aggressives Verhalten zeigt, dann liegt
der Verdacht nahe, dass die Aggression hormonell bedingt ist und daher
eine Kastration höchstwahrscheinlich Abhilfe bringen wird. Zeigt eine
Hündin allerdings während des ganzen Jahres Aggressionen gegen Menschen
und/oder Hunde, dann wird auch eine Kastration keine Änderung
hervorrufen.
Weder sogenannte Dominanzprobleme noch Lernerfahrungen des Hundes können
durch eine Kastration geändert werden!
Wenn Hündinnen wegen „Dominanzproblemen“ kastriert werden sollen, dann
muss man sich vor Augen halten, dass man diesen Hündinnen ihre „sanft
machenden“, weiblichen Hormone wegnimmt und sich daher das
Hormonverhältnis in Richtung Männlichkeit verschiebt. Dies ist der Grund
dafür, dass sich ausgewachsene Hündinnen nach einer Kastration häufig
sogar noch „dominanter“ verhalten als sie vorher waren.
b) Kastration des Rüden
Im Gegensatz zur Hündin, bei der immer wieder zu einer Kastration als
Vorbeugung gegen Entzündungen oder Krebs empfohlen wird, geht es bei den
Rüden (mit Ausnahme seltener medizinischer Indikation) meistens nur um
eins: Sie sollen verträglicher mit Artgenossen werden und auch Probleme
in der Mensch-Hund-Beziehung sollen sich durch Kastration verändern oder
im Vorfeld vermieden werden.
Auch hier gilt: Weder sogenannte Dominanzprobleme noch Lernerfahrungen
des Hundes können durch eine Kastration geändert werden!
Allgemeine Bemerkungen zu kastrierten Hunden – aus meiner Sicht und
nicht wissenschaftlich zu beweisen:
-
Bei einer drastischen Veränderung
des Aggressionsverhaltens nach einer Kastration spielt häufig ein
ganz anderer Aspekt eine Rolle und zwar die „Spannungsübertragung
durch die Besitzer“. Wurden die Besitzer früher beim Anblick fremder
Hunde unsicher oder ängstlich und zeigten damit ihrem Hund erst,
dass da tatsächlich eine Bedrohung kommt, so „wissen“ sie jetzt:
„mein Hund ist kastriert und wird nicht mehr kämpfen“. Alleine
dieses „sicher fühlen“ der Besitzer führt dann häufig dazu, dass der
Hund den fremden Artgenossen nicht mehr als Bedrohung ansieht und
selbst friedlich bleibt.
-
Vor der Pubertät kastrierte Tiere
bleiben juvenil, d.h. ewige Kinder. Viele Menschen finden das ganz
lustig, aber andere Hunde können häufig mit einem ausgewachsenen
aber juvenilen Hund nicht umgehen. Zahlreiche Verhaltensweisen, die
einem erwachsenen Hund angehören, fehlen hier. Dieser Hund wird von
einem unkastrierten Tier in der Regel nicht ernst genommen; im
Gegenteil, dieser Hund erscheint völlig andersartig und diese
Andersartigkeit kann zu Unsicherheit und daraus resultierender
Aggression führen. Das bedeutet, dass man durch frühzeitige
Kastration häufig Probleme hervorruft obwohl man eigentlich Probleme
vermeiden wollte. Anders sieht es z.B. in Amerika aus – hier werden
fast alle Tiere schon im Welpenalter kastriert und lernen sich auch
so kennen. Dann gilt: „Gleich zu Gleich gesellt sich gern“ und es
gibt kaum Probleme mit Artgenossen. In Deutschland sind kastrierte
Tiere jedoch bei weitem in der Minderzahl.
-
Ein, nach der geschlechtsreife
kastrierter Hund „weiß, dass er Rüde oder Hündin ist“. Hündinnen
fordern besonders Rüden und subdominanten Hündinnen gegenüber ihren
Respekt ein, Rüden verlangen ihn von jüngeren und subdominanten
Tieren und bekommen ihn von einem gut sozialisierten Tier auch
bereitwillig zugesprochen. Nun stellen Sie sich aber mal vor, dass
dieser Hund plötzlich kastriert wird. Die Lernerfahrungen sind da:
„Jüngere und subdominante Tiere, die mich als erwachsenen Hund
„riechen“ bringen mir Respekt und Ehrerbietung entgegen.“ Aber nach
der Kastration fehlt der typische Geruch dieses Tieres. Was passiert
dann? Der nötige Respekt fehlt. Der kastrierte Hund „weiß“ aber
(trotz Kastration) was er ist (Lernerfahrung) und fordert seinen
Respekt ein. Probleme sind vorprogrammiert und das passiert meistens
um so häufiger, je älter der Hund zum Zeitpunkt der Kastration war,
also je mehr Lernerfahrung er hatte.
-
Manche Kastraten, egal ob männlich
oder weiblich, riechen nach einer Kastration permanent so wie eine
hochläufige Hündin. Als Begründung sind mir zwar zahlreiche
abenteuerlichen Theorien bekannt jedoch konnte ich bisher weder von
einem Tierarzt noch in Büchern eine befriedigende, wissenschaftliche
Erklärung für dieses Phänomen bekommen. Tatsache ist aber, dass
sowohl Kollegen und Kolleginnen als auch ich selbst schon mehrere
dieser Hunde kennengelernt haben. Bei einem so gut riechenden Tier
versucht dann fast jeder intakte Rüde aufzureiten was aber von dem
kastrierten Tier gar nicht oder zumindest nicht endlos geduldet
wird. Diese ständige Aufdringlichkeit fremder Rüden ist sehr
stressig für den Hund und führt deshalb des öfteren zu Aggressionen.
-
Hunde wissen nicht, dass wir sie
manchmal kastrieren lassen. Es gibt also für Hunde keine Kastraten
sondern nur die Entscheidung: Bist du Männlein oder Weiblein? Daher
werden z.B. viele kastrierten Rüden (die für andere Hunde als
weiblich eingestuft werden) zwar von intakten Rüden mit sehr viel
Geduld und Respekt behandelt, im Gegenzug aber von intakten
Hündinnen häufig angegangen. Grund dafür könnte der Hormonspiegel
sein, der trotz Kastration einen wesentlich höheren
Testosteronspiegel zeigt als ihn eine durchschnittliche Hündin
aufweist. Für einen intakten Rüden stellt der Kastrat also eine
„starke Frau“ dar, für eine intakte, starke Hündin kann der Kastrat
allerdings als weibliche Konkurrenz angesehen werden.
-
Zippel, das alte Hexenweib, liebt
es, Kastraten als Blitzableiter zu verwenden und sie erbarmungslos
zu vermöbeln... (natürlich hindere ich sie durch ein klares Verbot
daran). Hat sie aber einen Hund als intakten Hund kennengelernt dann
behandelt sie ihn auch nach der Kastration so wie vorher. Auch hier
wieder ein Beispiel, wie sehr Lernerfahrung das Verhalten eines
Hundes beeinflusst.
-
In meinen Hundegruppen konnte ich
schon mehrmals beobachten, dass sich der Geruch eines männlichen
Kastraten häufig erst nach langer Zeit verändert. Ein kastrierter
Rüde wurde in „seiner“ Gruppe über 3 Jahre lang als „normaler“ Rüde
behandelt. Im Lauf der letzten Monate zeigten immer mehr Rüden
dieser Gruppe sexuelles Interesse an ihm und in den letzten Wochen
wird er wie eine läufige Hündin behandelt. Um eventuellen
Gegenargumenten vorzubeugen: Der Hund wurde vom Tierarzt untersucht
– er leidet weder an einer Entzündung, noch sind seine Analdrüsen
verstopft und er hat auch keine Prostataprobleme (alles Ursachen,
die zu einer Geruchsveränderung führen können).
Abschließende Bemerkung:
In vielen Fällen geht eine Kastration ohne die oben geschilderten
„Nebenwirkungen“ vor sich, d.h. die Kastraten werden von Artgenossen
genau so behandelt wie früher.... aber wisst Ihr, zu welcher Kategorie
Euer Hund gehören wird? Wägt deshalb ganz genau ab, ob eine Kastration
Euch oder Euerem Hund wirklich helfen kann und ob ihr mit möglichen
Nebenwirkungen klar kommt.
Denn Euer Hund und Ihr als Besitzer/in müsst dann jahrelang mit den
„Nebenwirkungen“ leben. Also macht Euch die Entscheidung nicht zu
leicht.
Für Rüden gibt es die Möglichkeit, den Hund zuerst einmal „chemisch“
kastrieren zu lassen. Chemische Kastration wirkt nur über einen
begrenzten Zeitraum, so dass der Rüde anschließend wieder „wie früher
wird“. Rüdenbesitzer/innen können während der chemischen Kastration
beobachten, ob sich z.B. das aggressive Verhalten ihres Hundes
abschwächt. Die Möglichkeit einer endgültigen, operativen Kastration
bleibt dann immer noch. Leider zeigt chemische Kastration nicht immer
ein zuverlässiges Ergebnis. Dennoch würde ich persönlich auf jedem Fall
den Weg der chemischen Kastration gehen bevor ich einen Rüden endgültig
kastrieren lasse. Lasst Euch dazu von Euerem Tierarzt beraten.
Für Hündinnen gibt es derzeit keine Möglichkeit einer chemischen
Kastration.
© Birgit Lehnen
Hundeschule Beta-dog
beta-dog@gmx.de
http://www.beta-dog.de